Testobjekt heute: Laborigines verspricht laut Hersteller: Taktik, Spaß und Spannung. Also das geht nun wirklich nicht - gleich drei Dinge auf einmal! Aber klar: Laborigines das flotte Ärgerspiel in der kleinen Schachtel verspricht alles auf einmal! Ein knackiges, spaßiges Ärgerspiel, ja das weckt Vorfreude und Erwartungen. Voller Spannung heben wir den Deckel von der Schachtel. Boh, ist der dick man. Nein, meine Mitspieler meinen (hoffentlich) nicht mich. Sie reden über Moa. Moa hört gerne Goa, ist aus 100% biologisch abbaubarem Ton und ist der Fiesling im Spiel. Moa besteht fast nur aus Kopf, noch mehr aus Nase und eignet sich nicht unbedingt als Kandidat für die Miss Canada Wahlen.
Aber, da kommt noch mehr. Knete! Jetzt keine 100 Euro Scheine, das wäre ja noch schöner. Nein, dieses Zeug, das wir aus dem Kindergarten oder manche von uns aus Babarossa noch kennen. Meinung der Mitspieler bisher: Moa? Knete? - Finde ich gut! Aber das soll es noch nicht gewesen sein. Als nächstes entdecken wir Cocktailspieße. So was edles in dieser Kneipe? Nein, wieder falsch. Diese dienen nicht dem Motto „unsere Kneipe soll schöner werden", sondern sie werden im Laufe des Spiels in unsere aus der Knete geformten Spielfiguren gerammt. Aber ich greife vorweg. Erstmal muß ich ja jetzt noch eben schnell die Totenkopfflaggen, die Immunitätsflagge, Energiesteine in den Spielerfarben, 2 Würfel sowie runde Pappscheiben, die keisförmig als Spielplan ausgelegt werden, erwähnen. So, das ist erledigt.
Das das Spielmaterial außergewöhnlich und originell ist,
dürfte ja nun deutlich geworden sein. Aber was stellen wir mit dem Kram an? Einige Mitspieler widmen sich soeben dem, was Pädagogen als freies Spielen bezeichnen. Dies soll die Entwicklung des Kindes ja fördern. Aber das hier ist ein ernster Test. Schluß mit lustig. Regeln raus! Jetzt wird ordentlich gespielt. Die Regel klärt uns auf, das wir im fröhlichen Ringelrein munter im Kreis über die Pappplättchen laufen. Okay, das stimmt jetzt nicht so ganz. In Wirklichkeit sind wir nämlich Laborureinwohner. Beiprodukte von irgendwelchen komplizierten, geheimen, chemischen Prozessen. Prima, sowas wollte ich ja schon immer mal sein. Aber jetzt wird erstmal geknetet. Wir formen unseren persönlichen Laborigine. Gaby fühlt sich heute abend siegessicher, sie formt einen Siegerpokal aus der Knete. Alle anderen formen mehr oder minder stark mutierte Wesen. Wie schön, das uns das Spielethema eine Ausrede für unsere mangelnden gestalterischen Fähigkeiten gibt. Spielziel ist es, als einziger Laborigine zu überleben, was sich im Detail doch schwierig gestaltet. Da sehen die Figuren dann ganz naturgetreu etwas mitgenommen aus.
Diese kommen auf ein beliebiges Plättchen des Rundkurses und der dicke Moa ebenso. Nun kann es auch schon losgehen. Steigen wir doch mal ganz spannend einfach mitten in die Runde 6 ein. Ich bin dran. Willkommen in Phase 1. Ich werfe beide Würfel. Ergebnis 1 und 4. Nun ordne ich Moa und mir je einen Würfel zu. Phase 2. Ich bin gesund, da habe ich aber Schwein gehabt. Wäre ich gerade krank, würde mir an dieser Stelle irgendwas fieses passieren. Meist also Energieverlust in irgendeiner Form. Und Energie wollen wir nicht verlieren. Wer keine Energie mehr hat, der ist nämlich tot. Und Spielziel ist es ja nun mal zu überleben. Phase 3: Bewegung. Regel: der Dicke hat Vorfahrt! Heisst Moa darf zuerst gehen. Moa ist zwar groß und stark, aber auch ein bißchen naja, geistig minderbemittelt halt. Von daher geht er immer stur im Uhrzeigersinn. Richtungswechsel würden ihn überfordern. Also Moa macht sich auf die Puschen. Ich habe ihm die 1 zugeordnet. Er geht also 1 weiter und bleibt da stehen. Das war alles. Nicht sehr spannend. Ich hätte ihn ja auch 4 weit gehen lassen können, aber da wäre ich schön blöd gewesen. Da stehe nämlich ich. Und dann hätte Moa gesagt - „Ey gib mir 2 Energie oder ich zeige Dir meine 874 Urlaubsdias wo ich in Urlaub war auf Helgoland mit Tante Annegret." Nein!!!! Also Moa geht und nichts passiert. Und immer wenn nichts passiert, ist das in diesem Spiel sehr günstig. Meist passieren nämlich nur schlimme Dinge.
Ich muß jetzt 4 gehen. Da ich intellektuell weit über dem Moa stehe, kann ich meine Laufrichtung frei wählen. In diesem Fall aber nur relativ frei. Gegen den Uhrzeigersinn da steht der Moa sehr nahe und Urlaubsfotos will ich nicht gucken. Also auf in die andere Richtung. Eins, Zwei, Drei, Vier. So, angekommen. Phase 4. Nun wird das Plättchen auf dem ich stehe umgedreht. Es zeigt ein Blitz. $%?§@** oder so, sage ich dazu nur. Denn jetzt wird in meinen zarten Körper ein Cocktailspieß gerammt. Das sieht nicht nur blöde aus, sondern tut weh. Denn ich muß einen Energiestein abgeben. Dabei werden immer welche auf das Plättchen auf dem man gerade verweilt abgelegt und welche aus dem Spiel genommen. Mein Energiestein kommt aufs Plättchen und kann später von meinen Mitlaborigines wieder aufgenommen werden.
Auch Uli ist genervt. Er hat aus vorherrigen Runden schon 2 Blitze und verliert daher 2 Energie. Obwohl ich diejenige welche war, die in die Falle getappt ist. Dumm gelaufen, da flammt Schadenfreude bei den Mitspielern auf. Und das Beste an den Blitz - Cocktailspießen - man wird sie nicht wieder los. Hmmm. Aber ich lebe noch, 14 Energie sind in meinem Besitz, dabei kann man auch Fremdenergie nutzen. Hier wird es etwas taktisch. Immer dann wenn ich Energie abgeben muß, sollte ich mir überlegen welche Farbe ich abgebe, sofern ich die Wahl habe. Scheidet nämlich ein Mitspieler aus, so gehen alle Energiesteine dieser Farbe ebnfalls aus dem Spiel. Das kann einen mit in die ewigen Jagdgründe ziehen. Also lieber immer die Energiesteine der Farbe des schwächesten Laborigine abgeben.
Gaby ist dran. Sie würfelt eine 2 und eine 3. Sie ist nicht krank, nichts passiert. Sie bewegt Moa. Super. Der trifft spontan auf Babaras blaue Kreatur. Babara verliert 2 Energie und Moa geht weiter, da er erst stehenbleibt wenn er auf ein leeres Feld trifft. Nicht sehr schlau von Gaby, denn nun muß auch sie 2 Energie abgeben und dann trifft es auch mich noch einmal, ehe Moa endlich zum Stillstand kommt. Diese Kettenreaktionen sind ganz witzig. Da kann man schön ärgern oder auch mal aus Versehen sich selber mit reinreissen. Nun muss Gaby noch ihren Laborigine bewegen. Sie trifft erstmal auf Uli. Dem knöpft sie 2 Energie ab. Das ist immer so. Der sich bewegende Spieler lässt sich von den Mitspielern auf die er trifft, grosszügig beschenken. Danach geht sie weiter. Solange bis sie auf einem Plättchen ohne Moa und Mitspieler landet. Sie dreht es um, es zeigt auf der Rückseite grün, nichts passiert. Wer kann, sollte sich also besser merken wo welche Fallen liegen. Alle sind sich einig: etwas merkwürdig, ziemlich viele Regeln, aber doch vielleicht ganz witzig.
Eine Stunde später. Gaby Pokal ist schon ganz schön zerlöchert. Uli ist dran. Phase 2. Uli ruft: „Lepra ist ganz schön lästig." Jemand vom Nebentisch guckt leicht irritiert zu uns rüber. Aber es nützt ja nichts. Wo er Recht hat, hat er Recht, Lepra ist wirklich lästig, Uli verliert jede Runde einen Energiestein solange er an Lepra erkrankt ist. Glücklicherweise kann man Krankheiten auch wieder los werden. Man trifft einfach unterwegs auf einen Mitspieler und gibt mit einem netten „Wohl bekomm's", die Krankheit in Form einer Totenkopfflagge weiter. Super. Uli ist seine Lepra endlich los, landet aber auf einem Feld das auf der Rückseite Säure zeigt. Auch nicht schön. Er verliert das nächste Mal wenn er läuft bei jedem Schritt einen Energiestein.
Es kann uns also viel passieren. Da sind die Krankheiten die von Lepra über Minderwertigkeitskomplex bis hin zum Hinken reichen. Die lieben Mitspieler können ärgern und überall lauern Fallenplättchen mit Säure, Blitzen, neuen Krankheiten und Explosionen. Das war in den ersten 20 Minuten ja sogar ganz witzig. Aber wir vier spielen schon seit einer Stunde und die Luft ist spürbar raus. Würfeln, Energie verlieren und immer noch ist niemand tot. Trotz der Vielfalt an Gefahren ist es doch immer nur würfeln, laufen, Energie verlieren.
Ich bin dran. Ich gerate mit meinem Laborigine auf ein Plättchen das mit Danger gekennzeichnet ist. Da wollte ich eigentlich nicht hin. Ich wollte in die andere Richtung. Aber die lieben Mitspieler. Wenn jemand 3 Energie in meiner Farbe abgibt, darf er bestimmen in welche Richtung ich ziehen muss. Und genau das passiert hier. Ich habe also keine Wahl. Und wo Danger draufsteht ist auch Danger drin. Eine große Explosion. Ich verliere 8!! Energie und bin sofort tot. Ich bin ausgeschieden. Ich habe verloren. Und? Bin ich traurig? Anscheinend nicht! Denn wir ernten wieder komische Blicke vom Nebentisch als ich laut rufe: Juhu ich bin tot! Denn eigentlich, das sehen auch meine Mitspieler so, bin ich der Gewinner. Die anderen müssen sich noch weiter mit dieser Würfelbelanglosigkeit quälen.
Wie gesagt, 20 Minuten lang wäre es okay, da das Thema wirklich lustig ist. Aber so? Nee, in allen Testgruppen ist es komplett durchgefallen. Besonders schlecht ist es zu Zweit. Zu Zweit ist zu viel Platz, man kann spielen ohne sich in die Quere zu kommen. Je mehr Spieler, desto eher ergeben sich mal wenigstens lustige Kettenreaktionen, Krankheiten gehen um und Blitze sind gefährlicher.
In einer Gruppe wurde die Partie sogar abgebrochen. Hier
waren Spielneulinge die Testgruppe und einige habe ich nie wieder gesehen. Und das obwohl wir mit 6 nimmt! den Abend doch noch sehr spaßig beendet haben! Für ein lockeres Funspiel hat Laborigines einfach eine Unmenge an Regeln. Jede Menge Kleinigkeiten, die beachtet werden müssen. Für ein Taktikspiel gibt es zu wenig Einflussmöglichkeiten. Gut man kann sich merken wo welche Fallen sind und im Rahmen des Würfelergebnisses eine Winzigkeit taktieren, aber das ist auch alles. Ich habe wirklich nichts gegen Spaßspiele, Ärgerspiele, einfache Spiele. Aber ein Funspiel ohne Fun? Das brauche ich nicht. Am meisten Spaß macht noch das kneten der Spielfiguren. Lustige Kettenreaktionssituationen tauchen einfach nicht so oft auf, das man sich gut unterhalten fühlt. Cirka 2 Lacher pro 60 Minuten sind nicht wirklich ein guter Schnitt. In der Theorie, beim Regellesen, hört sich Laborigines gut an, den Praxistest hat es eindeutig nicht bestanden. Laborigines ist toll aufgemacht ohne Frage, aber spielerisch würde ich jederzeit Malefiz oder Verflixxt vorziehen, wenn es denn ein Würfelärgerspiel sein soll. So kommt dann das Spielgefühl von Laborigines gefährlich nahe an das, wie sich unsereins das Leben der Laborureinwohner vorstellt: lang und qualvoll.
Laborigines, 2007, 2 bis 6 Spieler, Czech Board Games, Toma Uhli, Jakob Uhli
Diese Rezension wurde zuerst in der Fairplay veröffentlicht!
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