Der Autozug nach Sylt ist schon ganz schön lang. Besonders lang war er immer dann, wenn ich völlig genervt bei 2 Grad Celsius in strömendem Regen von der Schule kam. Niebüll ist nämlich in 2 Zonen aufgeteilt. Genau wie es früher Ost und Westberlin gab, gibt es immer noch Niebüll jenseits und Niebüll diesseits der Schranken. Und da ich nun mal auf der falschen Seite wohnte, habe ich cirka 4 Wochen meines jungen Lebens Jahr für Jahr, vom Wind zerzaust und vom Regen aufgeweicht, vor eben diesen Schranken gestanden. Und wenn ich dann die Wagen gezählt habe, dann war ich mir sicher: Dies ist der längste Zug der Welt....
Aber man wird älter und welterfahrener. Oder meint dies zumindest. Was ich in den letzen 15 Jahren dann auf alle Fälle dazugelernt habe, war ein äußerst schockierender Fakt. Der Sylter Autozug ist gar nicht der längste Zug der Welt! Ja, ehrlich. Ich weiß. Es ist schwer vorstellbar, auch meine Welt ist eingestürzt, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
Irgendwo am Arsch der Welt zwischen Orogrande und Calico waren wir mal wieder im Auto unterwegs. Und da habe ich ihn gesehen. Den in echt längsten Zug der Welt. Bei 80 Waggons habe ich aufgehört zu zählen. Boh!!!! Und ich konnte noch nicht mal ein Beweisfoto machen. Selbst mit Panoramabild war da nix zu machen. Aber das wäre schon ein cooles Foto gewesen. Das hätte ich mir im Wohnzimmer einmal als Bordüre rund an der Wand auf die Tapete klatschen können und hätte immer noch Reste vom Foto für die Abstellkammer gehabt.
2004 gab es dann ein neues Spiel auf dem Markt. Okay, es gab mehr als ein neues Spiel auf dem Markt, aber irgendwie muss ich ja einen Übergang finden und außerdem wurde dieses Spiel das Spiel des Jahres 2004. Zug um Zug heißt dieses Spiel. Sehr witziges Wortspiel, bauen wir doch Zug um Zug Zugstrecken. Und zwar auf einem Spielplan, der die USA mit ihren größten Städten zeigt. Also weder Orogrande noch Calico sind drauf, um das mal zu erwähnen.
Jeder Spieler hat Zielkarten. Auf diesen sind 2 Städte und eine Punktzahl genannt. Schafft der Spieler es bis Spielende diese Städte miteinander zu verbinden, bekommt er die Punkte gutgeschrieben. Schafft er es nicht, erhält er die Punkte als Minuspunkte. Außerdem erhält der Spieler mit der insgesamt längsten durchgehenden Zugverbindung einen Bonus von 10 Punkten. Des weiteren gibt es Punkte für jede gebaute Strecke auch ohne Zielkarten.
Ein Spielzug besteht immer darin, ein bis zwei Karten nachzuziehen ODER eine Strecke zu bauen. Und das ist echt gemein. Oftmals würden wir am liebsten Beides tun. Die Strecken auf dem Spielplan sind farbcodiert. Um sagen wir also mal von Los Angeles nach San Francisco zu bauen ,brauchen wir 3 gelbe oder 3 rosa Karten. Diese Strecke hat 2 mögliche Verbindungen - gelb oder rosa. Bei vielen Verbindungen haben wir keine Wahl, es gibt nur eine Verbindung in einer Farbe. Es gibt aber auch Strecken, die uns eine freie Farbwahl lassen. Und nun das wirklich Gemeine. Wo gebaut ist, ist gebaut. Da kann niemand anderes mehr bauen. Will ich also von San Francisco nach L.A. bauen und die Strecke ist schon bebaut, dann muss ich halt einen lästig langen Umweg über Salt Lake City und Las Vegas nehmen. Falls dort nicht schon gebaut wurde. Außerdem habe ich ja jetzt gelb oder rosa gesammelt und von San Francisco nach Salt Lake City brauche ich nun aber orange oder weiß. Mist. Spielen nur 2 oder 3 Spieler mit, darf immer nur eine von 2 Verbindungen genutzt werden, eine eventuelle zweite Verbindung bleibt leer.
Also immer entweder Karten nehmen oder bauen. Zum Bauen. Das geht so. Ich spiele also so viele passende Farbkarten wie erforderlich sind. Das können zwischen einer und sechs Karten sein. Dann platziere ich niedliche kleine Plastikwaggons auf dem Spielplan und kassiere zwischen 1 Punkt für eine 1er Strecke und 15 Punkte für eine 6er Strecke. Also möglichst lange Strecken bauen. Ja, aber das ist gar nicht immer so leicht. Man kann schier ins verzweifeln kommen wenn da partout keine Karten in der gesuchten Farbe auftauchen. Und dann hat man die passenden Karten auf der Hand, will eigentlich bauen, doch da liegen dann Karten die man gleich auch noch unbedingt braucht. Grübel, grübel, okay ich nehme erst noch die Karten. Doch als ich wieder dran bin, hat ein lieber Mitspieler meine Strecke verbaut. Ärgerlicher geht es kaum. So simpel und einfach wie Zug um Zug ist, es macht einfach wahnsinnig viel Spaß. 42 Partien habe ich in allen möglichen Besetzungen gespielt. Das Spiel spielt sich flott, ist einfach erklärt und Neulinge geben sich selten unter 2 bis 3 Revanchen zufrieden.
2004 war Zug um Zug das Spiel des Jahres. Nun haben wir 2007. 42 Partien, das spricht für sich. Das schaffen nur wirklich wenige Spiele in der kurzen Zeit bei uns. Zug um Zug ist kein tiefgehendes Strategiespiel, aber es ist spannend. Auch wenn wir uns immer nur zwischen 2 Sachen - Karten nehmen oder bauen entscheiden müssen, sind diese Entscheidungen schon immer schwer. Auch zu Zweit gehört Zug um Zug zu meinen Lieblingsspielen. Auch wenn es dann auf der großen U.S. Karte einfacher ist, friedlicher. Zug um Zug ist in meinen Augen ein Ausnahmespiel. So viel Spaß mit so wenig Regeln, so viel Spielreiz und Spannung, Zug um Zug gehört einfach in mein Spieleregal.
Zug um Zug tröstet mich über mein zusammengebrochenes Weltbild hinweg. Und wehe einer von Euch schreibt mir jetzt das die Züge in Australien oder gar in Dänemark noch länger sind. Wer will schon eine Frau weinen sehen.
Wertung: 10 von 10
Zug um Zug, Alan R. Moon, Days of Wonder, 2 - 5 Spieler, 2004, Spiel des Jahres 2004
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